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Meisterwerke für Soli, Chor und Orchester
von Antonio Vivaldi, Georg Friedrich Händel und Wolfgang Amadeus Mozart
Musik, die Emotionen entfesselt.
Eine Einführung zu den Werken von Willem Winschuh
Das Silvesterkonzert 2026 lädt Sie ein zu einer erlebnisreichen und glanzvollen Reise durch die Musikgeschichte, die uns zu den bedeutenden Zentren des 18. Jahrhunderts führt: vom lebhaft, sprühend emotionalen Venedig über das brillant virtuose Mailand und das fürstbischöflich regierte Salzburg mit seiner klangprächtigen und richtungsweisenden Musik auf die symphonischen Werke und Opern der Wiener Klassik bis an den englischen Königshof im triumphierenden London.

Unter dem architektonisch kunstvollen Gewölbe des Xantener Doms erhebt sich mit den grandiosen Meisterwerken von Antonio Vivaldi, Georg Friedrich Händel und Wolfgang Amadeus Mozart ein imposanter Klangdialog „Zwischen Zeit und Ewigkeit“, der sich in der Weite des wunderbaren Sakralraums zum Jahresabschluss 2026 entfaltet.
Obwohl diese Werke unterschiedliche musikalische Gattungen und Kompositionsstile von Barock und früher Klassik aufweisen, besitzen diese ein Fundament, das um 1600 bei der gleichzeitigen Geburt der Oper in Florenz und des Oratoriums in Rom gegossen wurde: Die Affektenlehre. Diese verbindet die im Silvesterkonzert 2026 dargebotenen Meisterwerke von Vivaldi, Händel und Mozart mit einem unsichtbaren Band.
Ihr theoretisches und praktisches Fundament verdankt sie einem bahnbrechenden musikwissenschaftlichen Ereignis: der Seconda pratica (die zweite Praxis zur Ausführung der Musik) am Anfang der Wende der Renaissance zum frühbarocken 17. Jahrhundert. Unzertrennlich ist diese musiktheoretische Revolution mit dem Namen Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) verbunden. Er war es, der die bisherigen kunstvollen polyphonen und homophonen Kompositionsstile zwar keineswegs verwarf – die Komponisten schufen weiterhin in diesen Kompositionsstilen ihre Werke -, deren strenge Absolutheit ihrer Tonsatzregeln jedoch zugunsten der Schilderung von Emotionen durchbrach.
Monteverdi integrierte rhetorische Figuren (Affekte) in die Musik des Frühbarock und erhob sie zum direkten Spiegelbild der menschlichen Psyche. Er und seine Zeitgenossen postulierten radikal, dass die Musik dem Text zu dienen habe, um so als musikalische Botschaft agieren zu können. Sie entdeckten, dass durch diese musikalische Tonmalerei menschliche Ur-Emotionen – von Todesangst über blinde Wut, tiefster Verzweiflung bis hin zur himmlischen Freude – direkt hervorgerufen werden konnten.
Heinrich Schütz, der große frühbarocke Komponist Deutschlands im dreißigjährigen Krieg – hundert Jahre vor Johann Sebastian Bach geboren – , der während eines vierjährigen Studiums von 1609 bis 1613 bei Giovanni Gabrieli in Venedig vor allem auch die Kompositionen Claudio Monteverdis kennenlernte, brachte diese revolutionäre Neuerscheinung der emotionalen Tonmalerei in den deutschsprachigen Raum und adaptierte sie kongenial für die geistliche Musik.
Musik sollte nicht mehr nur rein ästhetisch gefallen, sondern die menschliche Seele im Innersten berühren. Mit dieser Intention entwickelte sich die Affektenlehre – ein präzises Lexikon aus musikalisch-rhetorischen Figuren, das Emotionen und theologische Inhalte von Bibeltexten und Texte freier Dichtungen plastisch in Klänge (Wortmalerei) übersetzte.
Die Komponisten orientierten sich dabei direkt an der antiken Rhetorik von Denkern wie Cicero, Quintilion oder Aristoteles. So wie ein Redner ganz bestimmte sprachliche Pausen und Betonungen nutzte, um sein Auditorium im Forum zu Tränen zu rühren oder in Trauer, Wut oder in pure überschwängliche Freude zu versetzen, so wendeten die Komponisten diese Regeln auf die Musik an. Töne wurden zu Klanggemälden. Gleichzeitig war die Affektenlehre auch eng mit der damaligen Medizingeschichte verknüpft: Nach der antiken Vier-Säfte-Lehre (Humoralpathologie), die das medizinische Weltbild des Barock noch immer beherrschte, wurde geglaubt, dass der menschliche Körper und die Gemütszustände (Emotionen) von feinsten gasförmigen Lebensgeistern (Spiritus animales) gesteuert werden. Die musikalische Rhetorik verstand sich daher als eine Art emotionale Mechanik oder Medizin, die heilsame Wirkungen für die menschliche Psyche hervorruft. Also eine Musiktherapie, die heute wieder in der Medizin zur Behandlung psychischer Erkrankungen eingesetzt wird.
Die Kunst, Texte und Emotionen in musikalisch packende Affektfiguren zu gießen, prägte die Musik für Generationen.
Sie hallt majestätisch in Georg Friedrich Händels strahlend-hymnisch triumphalen Lobgesang – dem Dettinger Te Deum – wider und blüht in virtuoser Brillanz in Wolfgang Amadeus Mozarts jugendlichem Mailänder Geniestreich Exsultate, jubilate und in seiner feierlich und prachtvollen Krönungsmesse wieder auf.
Den emotionalen und rhetorischen Ursprung dieser kunstvollen barocken und frühklassischen Musik erleben wir in der Lagunenstadt Venedig.
Gleich zu Beginn des Konzertes steht als ein leuchtendes Signal das Magnificat in g-Moll (RV 610), das mit seiner tiefen theologischen Dimension und seiner energetischen und feurigen Lebens- und prächtigen Strahlkraft frühbarocke und spätbarocke Musik verbindet und die dramaturgische Inszenierung der Opernbühne souverän – wie später auch der „Londoner“ Händel und der junge Mozart im frühklassischen Salzburg – auf den Emporen der Kirchen und in den Chorräumen der Kathedralen lebendig werden lässt.
Willem Winschuh
Mehr über die verschiedene Werken:
– Vivaldi: Magnificat–>
– Mozart: Krönungsmesse–>
– Mozart: Exsultate, jubilate–>
– Händel: Dettinger te Deum–>
Oder erfahre mehr über Mozart und Affektenlehre–>
