Das Erbe der barocken Affektenlehre bei Wolfgang Amadeus Mozart



von Willem Winschuh  

Einleitung:

Wolfgang Amadeus Mozart nutzt in seiner Krönungsmesse (KV 317) und in der Solomotette Exsultate, jubilate (KV 165) das kostbare Erbe der barocken Affektenlehre, indem er die musikalisch-rhetorischen Figuren, Tonarten und Besetzungen in diesen noch frühklassischen Werken gezielt einsetzt, um die menschlichen Ur-Emotionen klanglich darzustellen. Der Unterschied zum Barock besteht jedoch darin, dass er diese Affekte nicht mehr statisch isoliert, sondern sie innerhalb eines Satzes in ständiger Bewegung hält. Durch diesen Bewegungserhalt werden die menschlichen Gefühle in ihrer psychologischen Wandelbarkeit als fließender Prozess erlebbar. In der Barockzeit bedeutete die Anwendung der Affekte keineswegs eine leblose Schablone. Wegweisende Komponisten wie Claudio Monteverdi, Heinrich Schütz, Antonio Vivaldi, Georg Friedrich Händel und vor allem auch Johann Sebastian Bach stellten menschliche Emotionen wie Trauer, Schmerz, jubelnde Freude und Dank durch die früh- und spätbarocken Affekte (musikalisch-rhetorischen Figuren) dar. Deren Emotionscharakter wurde meist pro Satz oder Abschnitt als eine in sich geschlossene objektive Einheit meisterhaft ausformuliert.

Wolfgang Amadeus Mozart weitet diese kunstvolle barocke Tradition aus. Bei ihm verschmilzen die emotionalen Zustände der Affekte des Spätbarock am musikgeschichtlichen Wendepunkt zur aufkommenden Frühklassik, sodass sich die Musik durch den aufkommenden galanten und empfindsamen Stil wie ein natürlicher, lebendiger Gefühlsstrom entwickelt.