Antonio Vivaldi: Magnificat in g-Moll (RV 610)



Text: Lukas 1, 46–55 (Das Magnificat) 

Eine detaillierte Einführung von Willem Winschuh



Satz 1: Magnificat anima mea Dominum 

Meine Seele erhebt den Herrn. (Deutsche Bibeltexte werden hier in der Übersetzung nach Martin Luther angegeben) 

Der Eröffnungssatz steht exemplarisch für die Synthese aus spätbarocker Prachtentfaltung und frühbarockem Madrigalismus (eine Kompositionstechnik, bei der einzelne Wörter des Textes durch musikalische Affekte direkt nachgeahmt werden). Vivaldi wählt die dunkle, ernste Tonart g-Moll. Die Textur ist primär in Homophonie (ein mehrstimmiger Satz, bei dem eine Hauptstimme führt und die anderen Stimmen rhythmisch weitgehend synchron folgen) gewebt, die dem Text ein großes proklamatorisches Gewicht verleiht. Zur Textur von „anima mea Dominum“ nutzt Vivaldi die Figur der Anabasis (eine aufsteigende Tonfolge). Die Chorstimmen Sopran, Alt und Tenor führen das Wort „Dominum“ mit größeren Tonsprüngen aufwärts (Anabasis) und erheben damit ihren Lobpreis zu Gott. Der Bass hingegen führt das Wort „Dominum“ in chromatischen Tonschritten abwärts (Katabasis) und symbolisiert mit dieser abwärtsschreitenden Bewegung die Herabkunft Gottes (Inkarnation) durch seinen Sohn Jesus Christus in die Niederungen der Welt. Diese gleichzeitigen aufsteigenden und absteigenden Tonschritte bringen eine tiefe theologische Dimension hervor: Maria singt ihren Lobpreis zur Menschwerdung Gottes in die Welt und bringt damit die Größe in demütiger Freude zum Ausdruck, während Gott schon in ihr wohnt, um Mensch zu werden.