Satz 3: Et misericordia eius 

Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für bei denen, die ihn fürchten. 

Dieser ergreifende Chorsatz bildet das unbestrittene harmonische und emotionale Herzstück des gesamten Werkes. Vivaldi verlässt hier den virtuosen, spätbarocken Konzertstil und greift auf die kunstvoll dichte Polyphonie des Stile antico zurück. Er erzeugt damit eine tief bewegende theologische Dimension zur musikalischen Darstellung der göttlichen Barmherzigkeit. Um die unermessliche Weite und das zeitlose Wesen dieser Barmherzigkeit klanglich greifbar zu machen, webt Vivaldi diesen hochemotionalen Chorsatz mit seinen imitatorischen Einsätzen in eine dichte und hochkomplexe Polyphonie (eine Satztechnik, bei der mehrere Stimmen melodisch und rhythmisch eigenständig nebeneinander herlaufen). 

Die Stimmen setzen kunstvoll versetzt ein und entfalten bereits zu Beginn der Choreinsätze weiträumige Intervalle (der musikalische Abstand zwischen zwei Tönen). Markante, sehnsuchtsvolle Moll-Sexten, drängende kleine Septimen und aufwärtsstrebende, harmonisch kühne große Septimen ballen sich zu dichten klanglichen Vorhalten und Dissonanzen. Diese expressiven Tonsprünge bringen die intensiv flehenden Rufe der Menschheit nach der göttlichen Barmherzigkeit plastisch hervor. Eingebettet ist dieses dichte Vokalgefüge in das unentwegte Fundament des Orchesters: Die pulsierenden, gemäßigt voranschreitenden und repetierenden Achtelnoten-Gruppen der Orchesterbässe bringen quasi den menschlichen Herzschlag in das Gefüge dieses – im frühbarocken Stil komponierten – hochemotionalen Chorsatzes mit seiner existentiellen Tragfähigkeit. 

Bei den Worten „timentibus eum“ wandelt sich der Affekt: In auf- und absteigenden Intervallbewegungen berichtet die Musik davon, wem Gott Seine Barmherzigkeit zuteilwerden lässt. Die Stimmführung offenbart hier eine meisterhafte architektonische Klammer des gesamten Werkes. Die wellenförmige Bearbeitung dieser Textur weist frappierende kompositorische Ähnlichkeiten zu anderen Schlüsselsätzen des Magnificat auf: Sie spiegelt melodisch die Vertonung von „anima mea Dominum“ im Eröffnungssatz, kehrt im siebten Satz (Suscepit Israel) ab dem vierten Takt bei den Worten „misericordiae suae“ wieder und feiert schließlich in der feierlichen Reprise des Gloria Patri bei der Lobpreisung auf den dreieinigen Gott auf „et Spiritui Sancto“ ihre Apotheose. Durch diese motivische Analogie verbindet Vivaldi in seinem Magnificat die Ehrfurcht der menschlichen Seele gegenüber ihrem Schöpfer und das Lob des dreieinigen Gottes zu einer theologischen Einheit. 

In der Tonmalerei nutzt Vivaldi zudem exzessiv die rhetorische Figur der Pathopoia (die Verwendung von leiterfremden, chromatischen Halbtonschritten zur Darstellung intensiver Affekte). Diese Chromatik dient hier jedoch nicht als Ausdruck weltlichen Schmerzes. Vielmehr evoziert sie eine zutiefst mystische Transzendenz und das numinose Staunen vor dem Unfassbaren. Das Zittern der menschlichen Seele vor der ewigen Größe Gottes wird so von Seiner unergründlichen Güte und Barmherzigkeit aufgefangen. Erst im letzten Moment löst sich diese enorme harmonische Spannung auf: Der Satz mündet in eine tröstlich aufleuchtende Dur-Variante, bei welcher der abschließende Akkord durch das Erhöhen zur großen Terz – der sogenannten Picardischen Terz – in hellem Glanz erstrahlt und so auf das Licht der immerwährenden göttlichen Gnade als Signal zur hoffnungsvollen Zuversicht hinweist.