Die theologische Eigenart des Deutschen Requiems von Johannes Brahms, op 45 von Reinald Rüsing
Das Werk zielt nicht ab auf eine Zerknirschung des Herzens, wie man es von einer Totenmesse erwarten könnte. Vielmehr kann und will das Werk trösten.
Der erste Chor beginnt mit einer Seligpreisung Jesu aus der Bergpredigt, und der letzte Chor nimmt die Seligpreisung auf, diesmal aus der Offenbarung des Johannes.
In der Mitte des Werks im vierten Chor dürfen sich Leib und Seele freuen, da sie sich sehnen nach einem ewigen Leben in der Gegenwart Gottes. Ein besonderer Akzent liegt auf der Rede von „den Vorhöfen des Herrn“. Der Vorhof des Tempels war der am leichtesten zugängliche Teil des Tempels und deutet im Werk Brahms auf den leichten Zugang zur Gegenwart des ewigen Gottes.
So darf sich das unter seiner Sterblichkeit seufzende Gemüt des Menschen durch das gewaltige Opus Brahms mit tiefem Trost erfüllen lassen.
Zur Exegese::
Mt5,4 Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.
Jesus Zitat aus der Bergpredigt. Der Berg steht traditionell für Nähe und Offenbarung Gottes. Das besagt, dass Jesus in göttlicher Vollmacht redet. Die Seligpreisungen sind Heilsworte, die den Adressaten die Teilhabe am Himmelreich zusagen, wozu auch die Tröstung der Trauernden gehört.
Psalm 126, 5. 6. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.
Die Gegenwart (Tränen, weinen) wird mit der von Gott geschenkten neuen Wirklichkeit verbunden (ernten, Garben). Hier ergeht keine Aufforderung. Vielmehr wird der rechte Weg geschildert. Säen, wenn auch unter Tränen, den guten Saatbeutel tragen. Die Saat wird aufgehen und Freude bescheren.
Psalm 39,5-8 Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muss. Siehe, meine Tage sind eine Hand breit vor dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir. Ach, wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben. Sie gehen dahin wie ein Schatten und machen sich viel vergebliche Unruhe. Sie sammeln und wissen nicht, wer es einbringen wird. Nun, Herr, wessen soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.
Mit seiner Bitte von V 5 sucht der Beter Bestätigung für das, was er eigentlich weiß, dass seinen Lebenszeit begrenzt ist. Trost findet er darin, dass er auf seinen Gott hofft.
Psalm 84, 2.3.5 Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. Wohl denen, die in deinem Hause wohnen, die loben dich immerdar.
Es handelt sich hier um einen Wallfahrts- und Pilgerpsalm, ein Sehnsuchtsgedicht und -gebet, das seinen Ausgangspunkt fernab vom Jerusalemer Tempel hat und den Weg dorthin innerlich und wohl auch äußerlich abschreitet. Der Abschnitt schließt mit einer Seligpreisung an diejenigen, denen die Gunst der Nähe zum Gotteshaus gewährt wird.
Reinald Rüsing Ev. Pfarrer in Ruhe, Bassist im Kammerchor „Cantare et Sonare“
