Georg Friedrich Händel: Dettinger Te Deum (HWV 283)
eine Werkeinführung von Willem Winschuh
Das Te Deum for the Victory at the Battle of Dettingen (HWV 283) von Georg Friedrich Händel – nicht nur ein farbenprächtig-musikalisches und klangvoll-erhabenes, festlich entfachendes Feuerwerk unter dem kunstvoll-architektonischen Gewölbe des Doms.
Als Finalwerk des festlichen Jahresabschlusskonzertes steht Georg Friedrich Händels grandiose Komposition Te Deum for the Victory at the Battle of Dettingen (HWV 283) auf dem Programm. Der konkrete historische Anlass zur Entstehung dieser Komposition liegt in einem entscheidenden Ereignis des 18. Jahrhunderts begründet: der Sieg der alliierten Streitkräfte über die französischen Truppen in der geschichtsträchtigen Schlacht bei Dettingen am 27. Juni 1743 im Zuge des Österreichischen Erbfolgekrieges – der letzten Schlacht der Geschichte, die von einem britischen König, Georg II., persönlich auf dem Schlachtfeld angeführt wird.
Obgleich Händel dieses Werk im Auftrag des englischen Königshauses als offizielle politische Staats- und Dankesmusik für einen ganz konkreten militärischen Erfolg komponiert, das am 27. November 1743 in einem Dankgottesdienst in der Chapel Royal im St. Jame´s Palace uraufgeführt wird, ragt die künstlerische und spirituelle Kraft der Musik über diesen rein zeitgebundenen, historischen Anlass weit hinaus. Dieses von Händel komponierte Werk zählt zweifellos zu seinen wichtigsten liturgischen Kompositionen.
Te Deum-Vertonungen von Georg Friedrich Händel – keineswegs nur profane Jubelgesänge über errungene Siege – vielmehr Dank und Bitte aller Nationen
Im direkten Vergleich zu dem dreißig Jahre zuvor entstandenen Utrechter Te Deum (HWV 278) – welches Händel in seinen jungen Jahren für die offiziellen Staatsfeierlichkeiten zum Frieden von Utrecht im Jahr 1713 komponiert und das bis heute als eine ebenfalls herausragende, wegweisende Te Deum-Vertonung gilt –, offenbart das Dettinger Werk die monumentale Reife des späten Meisters und zeigt vielerlei Parallelen zum Utrechter Te Deum auf. Folgt das Utrechter Werk noch den Kompositionskriterien der traditionellen englischen Anthem-Tradition nach dem Vorbild Henry Purcells mit einer engeren Verzahnung von intimen Soloversen und Chorsätzen, so weitet das Dettinger Te Deum diese intimen Grenzen hin zu einem prachtvoll besetzten Klangfresko.
Diese Musik gleicht keineswegs nur einer spektakulären, leuchtend aufgehenden Festarchitektur aus Licht und Klang, die sich unter dem Domgewölbe entfaltet, sondern führt zu einem tragfähigen Fundament der Hoffnung und Zuversicht für kommende Zeiten, in denen der Friede immer wieder neu gesucht und erbeten wird.
In der englischen Originalsprache des Werkes entfaltet sich eine Komposition über den liturgischen Text des anglikanischen Book of Common Prayer, welche die universelle, aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. stammende Dichtung des altkirchlichen Textes nicht nur als ein statisches, wunderbares Wortgebilde begreift und als solche noch über ein poetisches Wortgebilde hinausgeht, sondern als lebendige musikalische Rhetorik. Die Gliederung des Werkes folgt dabei konsequent der dreiteiligen Architektur des liturgischen Hymnus: Sie spannt den Bogen von der feierlichen trinitarischen Ehrerbietung sowie der hymnischen Lobpreisung des gesamten Erdkreises und des Himmels bis hin zu den berührenden, flehenden Bitten an die zweite Person der göttlichen Trinität – Jesus Christus. Diese in vertrauensvoller Zuversicht emporsteigenden Bitten gehen einher mit den christologischen Lobpreisungen, die den auferstandenen Herrn als den in der Herrlichkeit zur Rechten Gottes thronenden Christus, als den einzig wahren Sohn des ewigen Vaters in triumphal-feierlicher Würde bekennen.
Händel fasst den liturgischen Text hierfür in 14 musikalische Sätze, die entsprechend der extrovertierten theologischen Dimension konsequent mit einer großen, repräsentativen Orchesterbesetzung und der barocken affektiven Klangsprache komponiert sind. Im fundamentalen Unterschied zu Mozart steht hierbei jeder einzelne Satz für einen einzigen dominierenden Hauptaffekt, der unverrückbar für ein bestimmtes theologisches Geschehen oder für ein göttliches Handeln steht. Das Werk verdeutlicht diese Glaubensessenz klangsymbolisch als Lob- und Preisgesang zum alleinigen Lobe Gottes – ein Soli Deo Gloria von Himmel und Erde in ungemein plastischer Form. Wie präzise Händel Worte zu deren symbolischer Kraft klanglich übersetzt, zeigt sich an Schlüsselstellen im Werk, die in der kunstvollen Architektur des Domraumes zu faszinierenden Höhepunkten werden.
Schon in den ersten drei Sätzen der Partitur entfaltet Händel das hoheitsvoll instrumentale und erhabene chorische Panorama des altkirchlichen Lobpreises. Der erste Satz We praise Thee, O God eröffnet das Werk mit einer triumphalen, rein instrumentalen Intrada, in welcher das herrscherliche Trompetenconsort gemeinsam mit den Pauken von Beginn an die unbändige barocke Festfreude entfacht, bevor der fünfstimmige Chor mit strahlender Pracht in diesen Lobpreis einstimmt. Daran knüpft der zweite Satz All the earth doth worship thee an, der mit blockhaften, monumentalen Chorsätzen die weltweite Dimension und das unerschütterliche Lob des gesamten Erdkreises vor dem ewigen Vater klanglich symbolisiert. Einen bewussten dramaturgischen Kontrast setzt der dritte Satz To thee all Angels cry aloud: Händel zeichnet in diesem dritten Satz den Chorgesang der Engel mit schwebenden Melodien nach – die Tenöre und Bässe folgen und berichten, dass der Himmel und sein mächtiges Heer in den Gesang der Engel einstimmen. Die strahlende Kraft der Musik des vorhergehenden Satzes, aus dem die weltliche Verehrung für die erste Person der Trinität majestätisch hervorgeht, zieht sich hier zurück. Die himmlische Verehrung des allmächtigen Gottes führt den lobpreisenden Chor des gesamten Erdkreises in eine weihevolle Andacht.
Wie auf einer Himmelsleiter – der Huldigungsgesang der Thronengel
Im vierten Satz To thee Cherubin and Seraphin continually do cry offenbart sich das visionäre Mysterium der Ewigkeit, in welchem Händel den Throngesang aus der monumentalen Thronvision des Propheten Jesaja (Jes 6,1–3) vertont. Die Komposition entfaltet sich hierbei quasi als ein klangsymbolischer Dialog zwischen Erde und Himmel auf der Himmelsleiter, die in den Himmel ragt und an der sich Menschen und Engel einander begegnen (vgl. Genesis 28,10-19: Jakobs Vision im Traum von Bethel).
Zum liturgischen Text „…continually do cry: Holy, holy, holy, Lord of Sabaoth!“ führt Händel das gesamte Ensemble in einen unaufhaltsam vorantreibenden, markanten, punktierten Rhythmus. Durch die Kombination mit einer beeindruckenden Polytextur (Gleichzeitigkeit verschiedener Textausführungen in einem musikalischen Werk) wird dieser unaufhörliche, himmlische Lobpreis zwischen Himmel und Erde vollkommen erfahrbar: Mit den dreimalig nacheinander erklingenden „Holy“-Rufen beginnen zunächst die Choristinnen im Alt, bevor dieser Ruf nacheinander wie eine musikalische Welle durch alle anderen Chorstimmen läuft, während die anderen Stimmgruppen zeitgleich die Thronengel zur Linken und Rechten Gottes immer wieder neu benennen. Diese feierliche Ehrerbietung findet ihren Abschluss in einer aussagekräftigen Kadenz, welche die musikalisch hervorgebrachten Worte „Heav’n and earth are full of the Majesty of thy Glory“ mit der kunstvollen architektonischen Idee eines sakralen Bauwerks verbindet.
In diesen universellen Huldigungsgesang fügt sich das durch drei Instrumentalisten besetzte Trompetenconsort im Verbund mit den Pauken in den Orchesterklang der Streichinstrumente, Holzblasinstrumente und der Orgel ein und bildet die symbolische Klangkrone des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts für den Huldigungsgesang der trinitarischen Majestas Domini.
Im kunstvollen Wechselspiel mit Chor und Solisten setzt Georg Friedrich Händel mit großer dramaturgischer Empathie leuchtende Glanzlichter in seine Komposition Te Deum for the Victory at the Battle of Dettingen ein und weitet damit den akustischen Raum unter dem faszinierenden Gewölbe des Xantener Doms St. Viktor.
Das Te Deum – Atem des Lebens im Lobpreis der gesamten Schöpfung des Erdkreises und des Himmels
Im fünften Satz formiert sich das triumphale Panorama der himmlischen Zeugen, in welchem die Chöre der Apostel, Propheten und das Heer der Märtyrer gemeinsam mit dem sich anschließenden bekennenden Gesang des gesamten Erdkreises hervortreten und der mit der Doxologie zur Ehrerbietung des dreifaltigen Gottes seinen Höhepunkt erfährt.
Die Lobpreisung durch das Heer der Märtyrer erfährt im Dom zu Xanten eine zutiefst berührende Gegenwart, da der sakrale Aufführungsort zugleich als Gedenkstätte für die Märtyrer und die christlichen Widerstandskämpfer geheiligt ist und somit das himmlische Geschehen unmittelbar mit dem realen Zeugnis des Glaubens und Mutes im Raum verbindet. Aus diesem unerschütterlichen Zeugnis der Heiligen und Seligen bricht im ersten Teil des sechsten Satzes ein neuer triumphaler Glanz hervor: Zunächst preist der Solobass mit dem Solo-Trompeter und dem Continuo-Ensemble (Orgel, Violoncello und Fagott) den wahren Sohn Gottes, Jesus Christus, bevor der fünfstimmige Chor mit vollem Orchester Christus als den thronenden Pantokrator (Weltenherrscher) preisend und lobend ehrt.
Nach diesem majestätischen, klangsymbolischen Bekenntnis zieht sich die Partitur mit genialer dramaturgischer Wendung im siebten Satz When thou tookest upon thee to deliver man für Solo-Bass in ein gedämpfteres Licht zurück: In diesem Satz verzichtet Händel ganz bewusst auf eine große Orchesterbesetzung. Der in diesem Satz vorherrschende musikalische Affekt wird durch die Seufzermotive (Suspiratien) der Streicher und dem Continuo-Ensemble (Orgel, Violoncello und Fagott) bestimmt, die den Gehorsam des Sohnes Gottes zur Menschwerdung und zur Passion mit tiefer spiritueller Aussagekraft feingliedrig nachzeichnet, bevor im folgenden Satz When thou hadst overcome the sharpness of death (Als du siegreich zerbrachst den Stachel des Todes) die zurückkehrende prächtige Klangsymbolik den glorreichen Sieg des Lebens über den Tod durch das Kreuz und die Auferstehung Christi triumphal mit allen Stimmen feiert.
Aus diesem packenden Mysterium erwächst bisweilen in den sich anschließenden Sätzen – bis hin zum vierzehnten Satz – ein zutiefst bittender, demütiger Charakter. Immer dann, wenn das Solistenensemble und der Chor um das Erbarmen und die Zuwendung Gottes bitten, weicht jede musikalisch pracht- und glanzvoll ausgestattete Geste einer tiefen meditativen andachtsvollen Grundhaltung.
In dieser unnachgiebigen Klarheit der Mittel offenbart sich der fundamentale Unterschied zu Mozarts Ästhetik: Während Mozart die musikalischen Gefühle bereits schon in Mailand und in Salzburg psychologisiert und fließend ineinander übergehen lässt, nutzt Händel die barocke Affektenlehre in ihrer ursprünglichen Form. Die Aneinanderreihung der klar abgegrenzten Kontraste durch und in den einzelnen Sätzen seiner Te Deum-Vertonung (HWV 283) beschreibt den großen dramaturgischen Verlauf eines fulminanten musikalischen Werkes aus dem 18. Jahrhundert im Zeitabschnitt des Spätbarock. Hier wird deutlich, dass sein Dettinger Te Deum nur ein Jahr nach der mit größter Bewunderung und von immensem Erfolg gekrönten Uraufführung seines Oratoriums Messiah (1742) komponiert worden ist. Die dichte, packende Wort-Ton-Beziehung und die Gliederung der Chorsätze des Dettinger Te Deum in kontrastierende Abschnitte spiegeln seine im Opernschaffen und vor allem im Oratorium Messiah gereifte theatralische und sakrale Kompositionskunst wider.
Ein Psalmvers an der Pforte eines neuen Jahres – der vertrauensbringende Schlusschor
Die musikalischen Mosaiksteine emotionaler Kontraste in den einzelnen Sätzen der Dettinger Te Deum-Vertonung Händels bereiten den Boden für den hoheitsvollen Schlusschor O Lord, in Thee have I trusted (vgl. Ps 31,2) – „O Herr, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden“. Händel vollzieht mit diesem Finalsatz eine radikale und ergreifende dramaturgische Kehrtwende, die bereits im ersten Takt des Finalchores durch eine verborgene theologische Symbolik gekennzeichnet ist. Ganz bewusst komponiert er diesen Schlusschor in einem fließenden Dreiertakt. In der Musik des Barock ist dies kein Zufall, sondern eine feste mathematische Chiffre für die Heilige Dreifaltigkeit (göttliche Trinität). Indem Händel die Musik in diesen Dreiertakt einbindet, hebt er den Gehalt des Satzes aus einer irdischen Struktur heraus und führt ihn in die zeitlose Dimension der Ewigkeit.
Innerhalb dieses trinitarischen Rahmens entfaltet sich eine weitere Dimension: der bemerkenswerte Wechsel der Perspektive. Atmet das Werk zuvor das gemeinschaftliche Bewusstsein eines jubelnden Volkes im mächtig beginnenden Lobpreis We praise thee, o God (Wir loben dich, o Gott), bricht der Text gleich zu Beginn des Finalsatzes auf das Individuum herunter: Händel inszeniert hier einen Übergang vom Wir zum Ich in einer musikalisch hochsensiblen Weise. Die spirituelle Kraft des Satzes erwächst zunächst aus dem lyrisch innigen Altus-Solo O Lord, in thee have I trusted (O Herr, auf dich habe ich vertraut). Dieser individuelle Bittruf, welcher sich zunächst durch einen Menschen an Gott richtet, wird vom fünfstimmigen Chor und dem gesamten Instrumentalensemble als Vertrauensvotum polyphon aufgegriffen und kontinuierlich steigernd weitergetragen und führt somit wieder vom Ich zum Wir.
Diese musikalische Bewegung mündet schließlich noch in eine weitere Dimension: die konkrete musikalische Ausdeutung des Nicht-Zuschanden-Werdens – ...let me never be confounded. Die musikalische Bearbeitung des lateinischen Stammwortes non confundar beschreibt hier die anthropologisch bedingte menschliche Angst, vor dem Tod oder einer existenziellen Krise endgültig verlorenzugehen oder zu verzweifeln. Händel nimmt der Bitte durch seine Komposition jede lähmende Furcht. Er vertont das Wort never (niemals) mit beharrlichen Notenwiederholungen und verankert den Finalsatz seines Dettinger Te Deum in einer trostreichen, harmonischen Zuversicht. Im strahlenden D-Dur und mit der großen Besetzung von fünf Gesangssolisten, einem fünfstimmigen Chor und einem Orchester mit drei Trompeten, Pauken und Orgel bringt das Werk in seiner so imposanten barocken Entfaltung eine erlösende und befreiende Proklamation hervor. Das Vertrauen steht als unerschütterliche Grundfeste, die Händel in diesem Schlusschor mit seiner grandiosen – ganz spirituell ausgerichteten – Musik ganz persönlich musikalisch bekennt, indem er den Chor mit dem Wort „trusted“ mit absoluter, rhythmischer Präzision auf die schweren – betonten – Taktzeiten führt.
Mit der gravitätischen Schlusskadenz …let me never be confounded – hier vor dem Schluss des Werkes wieder im geerdeten Vierertakt –, besiegelt Georg Friedrich Händel sein unerschütterliches Glaubensfundament im Vertrauen auf den dreieinigen Gott.
Aus diesem musikalischen Bekenntnis Georg Friedrich Händels erwächst auch unser Wunsch an Sie: Wenn das Heute sich verabschiedet und wir an der Pforte zum Morgen des neuen Jahres stehen, verbindet dieses so kunstvoll komponierte Te Deum for the Victory at the Battle of Dettingen unsere Wünsche: Alle Mitwirkenden des Silvesterkonzertes 2026 wünschen Ihnen ein frohes Fest der Musik und für das neue Jahr ein segensreiches Geleit.
