Eine detaillierte Erläuterung zu den Sätzen: Credo und Agnus Dei
von Willem Winschuh
Credo in unum Deum – ein Klanggemälde aus der Krönungsmesse von Wolfgang Amadeus Mozart
Das Credo der Krönungsmesse entfaltet eine extrem dramaturgische Dynamik und lebt im Vergleich zur dialogischen Struktur des Gloria-Satzes der Messe von ständig wechselnden Affekten zur musikalischen Aussage der liturgischen Texturen. Das Fundament des Credo-Satzes bildet hierbei ein sich viermal wiederholendes, rondoartiges Thema, dessen Beginn im chorischen unisono erscheint, während die Violinen in virtuosen, unaufhörlichen Sechzehnteln über einem ostinatenhaften – auf- und abwärtsgeführten (Anabasis und Katabasis) – Orchesterbass unaufhaltsam vordrängen. Diese ununterbrochene Orchesterbewegung fungiert als Hypotyposis – eine anschauliche Bildlichkeit, die eine unaufhaltsame, mitreißende Kraft des christlichen Glaubens verkörpert. Vor dem Hintergrund der barocken Zahlensymbolik, in der die Ziffer Vier als die weltliche Zahl (Elemente, Himmelsrichtungen etc.) gedeutet wird, lässt sich diese viermalige, gegliederte Wiederkehr dieses Affekts innerhalb des Credo-Satzes als musikalisches Symbol zum Bekenntnis der christlichen evangelischen und katholischen Kirche interpretieren. Dieser – direkt zu Beginn mit den Glaubensworten Wir glauben an den einen Gott – energetisch-drängende, vorwärtsflutende Strom reißt plötzlich ab. In einem sich direkt anschließenden gravitätisch gehaltvollen homophonen Adagio-Satz wird das Mysterium der Menschwerdung (Inkarnation) vom Solistenquartett in sehr inniger Weise bekennend verkündet. Dieser Vokalsatz erfährt seine spirituelle Verinnerlichung im Verbund mit den schwebenden, sanft herabsinkenden Melodiephrasen der Violinen. Eine Katabasis, die das Herabsteigen Gottes zur Erde sinnlich erfahrbar macht: Ein Affekt von mystischer Spiritualität und ehrfurchtsvollem Staunen über die Menschwerdung Gottes durch seinen Sohn Jesus Christus.
Diese schwebende Intimität schlägt im Crucifixus etiam pro nobis jäh um. Die Musik stürzt in die tiefen und dunklen Täler von Schmerz, Erschütterung und Resignation. Sie wird zu einem plastisch gotischen Passionsbild, das uns mit seinen dunkel gehaltenen Farben und scharf gezeichneten Linien den Tod Jesu am Kreuz vor Augen führt. Die gerade noch schwebenden sanft absteigenden Melodiephrasen der Violinen zum Geheimnis der Menschwerdung wandeln sich nun zum Tod Jesu am Kreuz zu einem harten Gang (Passus duriusculus), der mit Seufzermotiven (Suspiratien) in eine schmerzlich elegische Chorszene führt, welche resignierend die Grablegung Christi schildert.
Zum endgültigen Sieg des Lebens über den Tod Et resurrexit tertia die tritt nun das unerschütterliche musikalische Glaubensthema (Hypotyposis) zum dritten Mal hervor und bezeugt mit jubelnder Freude den Sieg des Lebens über den Tod, nachdem genau diese Wort-Tonmalerei zuvor zum zweiten Mal das Glaubensdogma zum Sohn Gottes – Jesus Christus – als zweite Person der Heiligen Dreifaltigkeit (Trinität) eingeleitet und begleitet hat. Wiederum tritt dieses symbolhaft starke Leitmotiv zu den bekennenden Worten Et Resurrexit tertia die nun zum dritten Mal markant hervor. In diesem dritten Anlauf – synchron zum Text tertia die – setzt Mozart mit Chor und Orchester die weiteren Glaubensaussagen zur Bestätigung der lebensspendenden Kraft, des Heiligen Geistes in das triumphal-aufleuchtende österliche Licht der Auferstehung. Die Zahl Drei (göttliche Zahl: Trinität) wird hier zum hörbaren Symbol für die Auferstehung Christi am dritten Tag.
Dieses zum vierten Mal zitierte folgende C-Dur-Anfangsthema setzt präzise mit dem Eintritt der Textur Et unam sanctam catholicam ein und blitzt hier im kunstvoll versetzten Einsatz auf der Zählzeit 1 mit Sopran und Tenor und auf der Zählzeit 3 mit dem Alt und Bass auf. Dass hier die Rückkehr des Anfangsthemas genau erfolgt, entfaltet ein tiefe theologisch-zahlensymbolische Dimension: In der christlichen Zahlensymbolik steht die Zahl Vier – wie schon erwähnt – als weltliche Zahl: Als Zahl für die Erde in ihrer materiellen Schöpfung und der auf ihr lebenden Menschen im Hier und Jetzt. Indem Wolfgang Amadeus Mozart die musikalisch-rhetorische Figur Hypotyposis nun hier zum vierten Mal gezielt anwendet, kann dieser vierte Einsatz als eine Brücke von der Erde zum Himmel gedeutet werden. Das Glaubensbekenntnis der christlichen evangelischen und katholischen Kirche, welches mit der verheißungsvoll-gläubigen Erwartung Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen. schließt, vermittelt sich als ein zutiefst ergreifendes imposantes klangsymbolsches Bild im Credo-Satz der Krönungsmesse von Mozart.
Es sei erlaubt darauf hinzuweisen, dass vor allem auch dieses von Mozart komponierte Credo ein herausragendes Klangzeugnis – ein Drama per musica – ist, dass immer wieder durch seine tonmalerische Sprache – wie auch in den übrigen Sätzen dieser festlichen und prachtvollen Messe – Bilder aus der bildenden Kunst hervorzurufen vermag. Das tiefempfundene Et incarnatus est und das schmerzhaft deklamierte Crucifixus können zum Beispiel Bilder zur Menschwerdung (Inkarnation) und zur Passion aus dem berühmten Isenheimer Altar von Matthias Grünewald sowie die leidvollen Szenen der geschnitzten Passions- und Märtyrerstatuen des Xantener Doms St. Viktor in ihrer visuellen Entsprechung hervorbringen. Durch eine genaue Betrachtung dieser bildenden Kunst wird das Leiden Christi in berührender körperlicher Physis spürbar. Mit dem abrupten jubelnden Einsatz von Chor und Orchester Et resurrexit bricht in Mozarts Musik der Ostersieg strahlend hervor und öffnet gleichzeitig das Tor zum Zutritt für zwei gegensätzliche, sich genial ergänzende Stilwelten der spätgotischen Kunst: Auf dem geöffneten Flügel in der ersten Schauseite des berühmten Isenheimer Altars von Matthias Grünewald inszeniert der Meister ein kosmisches Lichtwunder, in dem der auferstandene Christus in einem schwerelosen, farbenprächtigen Lichtglanz emporgleitet: Ein Äquivalent zur klangsymbolischen Musik Mozarts. Demgegenüber steht das Antwerpener Flügelretabel im Xantener Dom, dessen meisterhaft spätgotische Schnitzkunst die Auferstehung als zentralen Bestandteil des Märtyreraltars als plastisches Ereignis feiert. Wo Matthias Grünewald Farbe und Licht nutzt, arbeiten die Antwerpener Künstler des Xantener Märtyreraltars mit tiefen räumlichen Unterhöhlungen im Schnitzholz. Diese lassen die Elemente wie Gewänder fast frei im Raum schweben, erzeugen somit ihr dramaturgisches Spiel im realen Licht und Schatten und betonen so die erregten und kraftvollen Bewegungen der Figuren. Diese plastische Energie spiegelt sich eins zu eins in der rhythmischen Prägnanz und der klangsymbolischen Präsenz vor allem auch in den rondoartigen Chor- und Orchestereinsätzen wider, mit denen Wolfgang Amadeus Mozart sein tonmalerisch faszinierendes Credo in das finale Amen führt.

