Antonio Vivaldi: Magnificat in g-Moll (RV 610)
Text: Lukas 1, 46–55 (Das Magnificat)
Eine allgemeine Einführung von Willem Winschuh
Antonio Vivaldi (1678–1741) gehört unbestritten neben Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel zu den wegweisenden, genialen Tonmeistern des Barockzeitalters. Bereits zu Lebzeiten genoss der Venezianer europaweit ein außerordentliches Ansehen. Seine gedruckten Werke verzeichneten reißenden Absatz von Paris bis Amsterdam, und europäische Monarchen und Adelige rissen sich um seine Kompositionen.
Seine engste Wirkungsstätte blieb jedoch seine Geburtsstadt: Venedig. Als musikalischer Leiter am Ospedale della Pietà, einem renommierten venezianischen Waisenhaus für Mädchen, formte er dessen Orchester und Chor zu einem der virtuosesten Ensembles ganz Italiens. Für diese hochentwickelte Institution komponierte er den Großteil seiner weit über 500 Konzerte sowie seine tiefsinnige Sakralmusik, darunter das Magnificat g-Moll (RV 610).
Vivaldis Magnificat in g-Moll besticht durch die faszinierende Verschmelzung innovativer spätbarocker Instrumentalwerke mit der kunstvollen archaisch anmutenden Vokalmusik des Frühbarock.
Er nutzt diese Synthese, um die gegensätzlichen Spannungsfelder der tiefen sprituellen und theologischen Dimension des Bibeltextes aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 1, 46-55) in hochemotionalen Klanggemälden meisterhaft zum Ausdruck zu bringen.
Viele der im Magnificat genutzten Tonmalereien und strukturellen Kniffe führen gedanklich direkt zu seinem berühmtesten Zyklus: den weltbekannten Violinkonzerten Le quattro stagioni („Die vier Jahreszeiten“). Die dort meisterhaft angewandten orchestralen Mittel setzt Vivaldi im Magnificat mit derselben dramaturgischen wort-tonmalerischen Intensität ein: Was uns z.B. in den vier Jahreszeiten in akustischer Wucht als tosende Sommergewitter oder klirrende Eiseskälte im Winter entgegentritt, spiegelt sich im Magnificat in einem erschütternden dramaturgischen Szenarium wider: als wort-tonmalerisches Sinnbild für die allumfassende göttliche Macht, die sich gegen die anmaßenden und unbarmherzigen Herrscher richtet.
Wiederherstellung der Gerechtigkeit: Das abrupte Aufeinanderprallen von extremen Gegensätzen, das Vivaldi im Konzertstil perfektionierte, dient z. B. im Deposuit potentes (Satz 5) der plastischen Abbildung der göttlichen Umkehrung der Verhältnisse. Blitzschnelle heruntereilende Tonskalen stürzen die Tyrannen vom Thron, während aufsteigende Tonskalen die Niedrigen erhöhen.
Vivaldi erweist sich im Magnificat – dem Lobgesang Marias aus dem Evangelium nach Lukas (LK 1, 46-55) – nicht nur als genialer Kontrapunktiker, sondern auch als visionärer Dramatiker. Er nutzt die kontrastreichen, affektgeladenen Elemente, die auch seine Opern und Instrumentalkonzerte auszeichnen, um den biblischen Text aus seiner historischen Distanz direkt in die emotionale Gegenwart der Zuhörerinnen und Zuhörer zu holen.
Willem Winschuh
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Merh über die einzelnen Sätze des Magnificats:
Satz 1: Magnificat anima mea Dominum
Meine Seele erhebt den Herrn. (Deutsche Bibeltexte werden hier in der Übersetzung nach Martin Luther angegeben)
Der Eröffnungssatz steht exemplarisch für die Synthese aus spätbarocker Prachtentfaltung und frühbarockem Madrigalismus (eine Kompositionstechnik, bei der einzelne Wörter des Textes durch musikalische Affekte direkt nachgeahmt werden). Vivaldi wählt die dunkle, ernste Tonart g-Moll. Die Textur ist primär in Homophonie (ein mehrstimmiger Satz, bei dem eine Hauptstimme führt und die anderen Stimmen rhythmisch weitgehend synchron folgen) gewebt …. …… ….. ….. ……
